Christel Kießlich

Christel Kießlich trainiert seit mehr als 30 Jahren bei der Hamburger Turnerschaft von 1816 junge Nachwuchsturnerinnen im Alter von 4 bis 11 Jahren. Dafür verbringt sie sechs Tage in der Woche mehrere Stunden in der Sporthalle. Ihre Schützlinge gehören zu den besten Turnerinnen in Hamburg und erreichen auch auf Bundesebene vordere Platzierungen.

Christel lebt für das Turnen. Wenn die Eltern keine Zeit haben, holt sie die Kinder einfach selber von der Schule ab. Ob Vereinsfeiern, Ausflüge, Wettkampfplanung, Traineraus- und -weiterbildungen - alles organisiert die 66-jährige selber, meistens auf eigene Kosten.

Für viele der Kinder ist Christel nicht nur Trainerin, sondern auch eine wichtige Bezugsperson, der man auch mal seine Sorgen erzählen kann. Und wer beim Training ein Loch im Magen hat, der greift gerne in Christels Obstdose, die sie immer für sich und die Kinder dabei hat.

Im Mittelpunkt steht Christel nur ungern und Interviews mag sie schon gar nicht. Umso schöner war es, Christel an einem Samstagmorgen in Plauderlaune anzutreffen, aus der heraus das folgende Interview entstand:

Christel  Lahrs 1964

Christel  2017

Christel Kießlich

geboren: 1948 in Hamburg

Verein: Hamburger Turnerschaft von 1816 (HT16)

Erfolge:

  • Dreimal in Folge deutsche Jugend-Meisterin
  • WM-Teilnehmerin 1966 (17 Jahre)
  • Trainerin 

 

Interview mit Christel Kießlich am 8. April 2017:

Wann hast du mit Sport begonnen?

Als ich 3 Jahre alt war. Zusammen mit der ganzen Familie haben wir im Hammer Park  geturnt, draußen auf der Wiese. Meine Eltern, meine Tante, mein Bruder, meine Schwester meine Cousine - alle waren dabei. Turnanzüge hatten wir damals nicht. Wir hatten eine Hose und so eine Art Unterhemd, auf dem “1816” stand. Der Sport draußen war natürlich eher spielerisch. Wann ich “richtig” mit Turnen begonnen habe, weiß ich gar nicht mehr.

Wie bist du zum Turnen gekommen?

Ich komme aus einer turn-begeisterten Familie. Schon mein Opa und mein Vater haben geturnt. Mein Opa hat nach dem Krieg dabei geholfen, die HT 16 wieder aufzubauen und eine Halle angemietet. Meine Geschwister haben auch geturnt und ich war die Jüngste und habe natürlich mitgemacht. Es war bei uns fast unmöglich nicht zu turnen.

Was gefällt dir am Turnen?

Dass Turnen nie langweilig wird, weil man immer wieder Neues lernt. Das geht automatisch: wenn man ein neues Element beherrscht, eröffnen sich sofort wieder neue Möglichkeiten für weitere Elemente. Man hat immer einen Ansporn, sich zu verbessern.

 

Hast du gerne trainiert?

Ja, gerne und viel. Ich war eigentlich kaum aus der Turnhalle raus zu bekommen.

Wie hast du Schule bzw. Beruf und Turnen unter einen Hut bekommen?

Das hat ganz gut geklappt. Nach der Schule und Handelsschule habe ich bei der Iduna (heute Signal-Iduna)-Versicherung in der Personalabteilung angefangen zu arbeiten. Für den Sport bekam ich dort sechs Tage Extraurlaub – so was gibt es heute gar nicht mehr.

Hattest du Vorbilder?

Vera Staslawska und Olga Korbut fand ich zum Beispiel toll.

Wie war das damals mit Wettkämpfen?

Im Kinder-Bereich gab es die gar nicht. Übrigens war Frauen- und Jugendturnen damals noch getrennt, bei den Frauen durfte man erst mit 21 Jahren starten. Die HT 16 hat dann mal ein bundesoffenes Frauenturnen veranstaltet, wo wir mitturnen durften.

Was waren deine größten Erfolge?

Ich würde sagen, dass ich dreimal hintereinander deutsche Jugendmeisterin geworden bin und 1966 als jüngste Starterin an den Weltmeisterschaften in Dortmund teilgenommen habe.  

Es gab ja viele Zeitungsartikel über dich. Hattest du eigentlich schon Fans?

Naja, ein paar vielleicht.

Wie war das, bei den Weltmeisterschaften zu starten?

Eine tolle und aufregende Erfahrung. Zu dem Zeitpunkt sind ja die BRD und die DDR mit getrennten Teams gestartet. Den Sportlern aus dem Osten war es verboten, mit uns zu reden. Kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen.

Bist du durch den Sport auch mal ins Ausland gereist?

Aufgrund meiner Leistungen im Turnen bin ich während der Schulzeit für eine deutsche Delegation ausgewählt worden, mit der wir für sechs Wochen in Südamerika gewesen sind. Dafür musste man vorher eine politische Prüfung ablegen. Es ging nicht nur ums Turnen, sondern das Ganze war mehr ein kultureller Austausch. Wir haben in verschiedenen Ländern wie Argentinien, Chile usw. Turn- und Tanzübungen aufgeführt - meistens draußen. Untergebracht waren wir nicht in Hotels, sondern bei Familien. Einige waren sehr arm und ich erinnere mich, dass wir zum Teil auf dem Boden geschlafen haben. Für mich war das alles neu und spannend. Man muss bedenken, dass ich die Jüngste war und noch zur Schule ging, während die anderen Teilnehmer um die 25 Jahre alt waren. Die haben aber alle gut auf mich aufgepasst.

Welches war dein Lieblingsgerät?

Der Barren.

Gab es am Barren mal eine Übung, die du als erste Deutsche geturnt hast?

Ja, den Radochla Salto. Da macht man einen Salto vom unteren zum oberen Holm.

Wann hast du mit dem Turnen aufgehört?

Ich habe mit etwa 18 Jahren aufgehört.

Hast du noch andere Sportarten als Turnen gemacht?

Ja, ich habe Squash gespielt und beim Betriebssport auch Leichtathletik gemacht. Tennis habe ich auch gespielt.

Turnst du eigentlich heute noch?

Kaum. Aber wenn niemand hinschaut, mache ich schon noch mal eine Drehung oder ein Rad auf dem Balken. (Lacht)

Welche Hobbys hast du?

Ich mache gerne Handarbeit wie Nähen, Stricken, Häkeln oder Basteln. Leider habe ich dafür nur wenig Zeit.

Du bist ja sehr vielseitig und bei allem, was du tust, sehr erfolgreich. Gibt es auch etwas, was du nicht so gut kannst oder magst?

Prüfungen! Ich mag Prüfungen überhaupt nicht, die sind ein rotes Tuch für mich. Ich hatte mal in der Schule eine gute Englisch-Arbeit geschrieben und sollte daraufhin noch eine mündliche Prüfung ablegen. Da habe ich gesagt “Gebt mir eine Note schlechter, aber lasst mich mit der Prüfung in Ruhe!” (Lacht) Außerdem stehe ich nicht gerne im Mittelpunkt, Interviews mag ich deswegen eigentlich auch überhaupt nicht.

Was gefällt dir an der HT 16?

Das Training mit den Kindern macht riesigen Spaß. Wichtig ist mir das Miteinander. Die Kinder verabreden sich auch nach dem Turnen. Beim Training und im Wettkampf wird sich gegenseitig geholfen, der eine springt für den anderen ein. Und auch der Einsatz der Eltern ist toll. Wir sind eine tolle Truppe.

Was wünschst du dir für die Turnabteilung der HT 16?

Dass wir auch zukünftig so viel Spaß beim Training und Erfolge bei Wettkämpfen haben. Dafür wäre wichtig, dass wir mehr finanzielle Unterstützung für Trainingsstätten, Ausrüstung und Trainer bekommen.

Herzlichen Dank für das Interview liebe Christel!

 

Das Interview führte: Arne Brand

 

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